Geschichte
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Eine deutsche Geschichte

 

 

 

Johannes Müller, Elsa Gräfin von Waldersee, Carlo Sattler

 

 

 

1914 – 1916 wurde Schloss Elmau von dem zivilisationskritischen Philosophen und Theologen Dr. Johannes Müller (1864-1949) mit finanzieller Unterstützung von Elsa Gräfin von Waldersee als „Freiraum des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens“ erbaut. Seine Gäste sollten hier Urlaub vom Ich machen und durch das Erlebnis der Stille in der Natur oder bei Konzerten und Tanzabenden mit klassischer Musik, selbstvergessen und unmittelbar wie Kinder der „göttlichen Wirklichkeit“ gewahr werden können.

 

 

 

 

Johannes Müller kritisierte nicht nur den westlichen Kapitalismus und Individualismus sowie den sowjetischen Kommunismus und Kollektivismus, sondern auch die Kirchen und vor allem die Anthroposophie, vor der er als Versuch der „Vergottung des Menschen durch den Menschen“ eindringlich warnte. Jesus war für ihn der erste „Überwinder der Religionen“ und kindliche Ichvergessenheit Voraussetzung der Erfüllung des diesseitigen Heilsversprechens der Bergpredigt. Zu seinen Vorträgen pilgerten Tausende und seine Bücher waren beim C.H.Beck Verlag Bestseller.

Zu seinen größten Bewunderern gehörten nicht nur die bis heute theo-politisch wirkungsmächtigsten Begründer des Kulturprotestantismus, allen voran Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch, sondern vor allem viele Juden wie auch Walter Rathenau und Martin Buber. Prinz Max von Baden, der Johannes Müller als seinen Seelenführer bezeichnete und keine Entscheidung ohne seinen Rat fasste, weihte Schloss Elmau 1916 ein. Architekt war sein Schwager Carlo Sattler.

Schloss Elmau 1916

 

 

 

 

Prinz Max von Baden, Adolf von Harnack

1933 begeisterte Hitler die überwältigende Mehrheit der hemmungslos konformistischen Eliten des kulturprotestantisch sozialisierten Bildungsbürgertums vor allem mit dem anti-zivilisatorischen Imperativ „Das Ich ist nichts, das Volk ist alles“ der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Auch Johannes Müller wollte deswegen fortan und völlig überraschend vor allem für seine vielen jüdischen Freunde, plötzlich in Hitler, den er bis dahin völlig ignoriert hatte, einen von Gott schicksalhaft gesandten Führer der „Nationalen Revolution des Gemeinnutzes über den Eigennutz“ sehen.

Da er für das Gelingen einer „Volksgemeinschaft des brüderlichen Für-Einander-Daseins“ jedoch gleichzeitig öffentlich die Mitwirkung der deutschen Juden als den „edelsten Vertretern des geistigen Adels“ forderte und den Antisemitismus der Nationalsozialisten als „Schande für Deutschland“ öffentlich kritisierte, die ihm „Schamesröte ins Gesicht treibe“ sowie darüberhinaus auch dem orthodoxen Judentum für das Festhalten an seinen Traditionen trotz Verfolgung allergrößten Respekt zollte, geriet er als „Judenfreund“ bereits im April 1933 ins Visier des Propagandaministeriums und einer Hetzkampagne der bayerischen Provinzpresse.

 

 

 

 

Seine sofortige Verhaftung unterblieb lediglich, weil die bayerische Staatskanzlei Goebbels davon überzeugen konnte, dass das öffentliche Eintreten für die deutschen Juden sein Bekenntnis zu Hitler moralisch aufwerte und daher den Nationalsozialisten mehr nütze als schade. Fortan stand er nur unter verschärfter Beobachtung und durfte nur noch seine Erinnerungen bis zum Jahr 1932 unter dem Titel „Gegen den Strom“ publizieren.

Trotz der Hitlerhörigkeit von Johannes Müller blieb der Hitlergruß in Schloss Elmau verboten. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten hatte ihn und seine Kinder auch daran gehindert, Mitglied der Partei oder einer ihrer Unterorganisationen zu werden. Anders als die meisten Seebäder und Ferienhotels galt Schloss Elmau nicht als antisemitisch und wurde vielleicht auch deshalb nicht zu einem bevorzugten Hotel der nationalsozialistischen Funktionseliten.

Ab 1935 wurden Johannes Müller weitere Vortragsreisen verboten. Die von der Universität Leipzig betriebene Aberkennung seines Doktortitels unterblieb lediglich aufgrund einer Intervention des Philosophen Hans-Georg Gadamer, der einer seiner Anhänger war.

1942 verpachtete Johannes Müller Schloss Elmau an die Wehrmacht als Fronterholungsheim, um einer von Göring wie auch von Himmler betriebenen Beschlagnahmung zuvorzukommen.

1943 forderte der Kommandant des KZ Sachsenhausen die Verhaftung von Johannes Müller „wegen schwerer Zersetzungsarbeit unter dem Deckmantel des Biedermannes“, da sich ein Gefangener im Verhör auf ihn berufen hatte. Aus Rücksicht auf seine große Bekanntheit wurde dies vermutlich durch eine Intervention von Reichsinnenminister Wilhelm Frick verhindert, der selber allerdings nie in Schloss Elmau war.

1945 wurde Schloss Elmau nach Kriegsende von der US-Armee beschlagnahmt und als Gefangenenlager für die Insassen des Wehrmachtlazaretts und anschließend als Winterkampfschule genutzt.

Johannes Müller und Irene Sattler

1946 strengte der bayerische Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Dr. Philipp Auerbach, ein Spruchkammerverfahren in Garmisch-Partenkirchen gegen Johannes Müller an, dem er „Verherrlichung von Hitler in Wort und Schrift“ vorwarf. Johannes Müller wurde als Hauptschuldiger verurteilt, weil seine öffentliche Kritik am Antisemitismus paradoxerweise die Wirkung seines Eintretens für Hitler verstärkt habe. 

Da Johannes Müller weder Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen, noch an Kriegshandlungen beteiligt war, bot das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus für seine Verurteilung keine rechtliche Grundlage. Das Urteil blieb daher umstritten. Die sofortige Enteignung scheiterte auch, weil sich Gräfin Waldersee weigerte ihren Anteil an Schloss Elmau zu verkaufen. Johannes Müller wollte sich jedoch nicht verteidigen. Er bekannte sich zu seinem politischen, nicht jedoch zu seinem theologischen Irrtum, der diesen mangels säkularer Vernunft begründete, indem er die profane Volksgemeinschaft sakralisierte.

 

 

 

 

1947 nahm Dr. Philipp Auerbach Schloss Elmau ohne Rechtstitel in Besitz und betrieb es bis 1951 als Sanatorium für „Displaced Persons“ und Überlebende der Shoa. 1951 wurde Dr. Auerbach wegen angeblicher Veruntreuung von Geldern verhaftet. 1952 nahm er sich aus Scham im Gefängnis das Leben. Zwei Jahre später wurde er vom Landtag wegen erwiesener Unschuld rehabilitiert. Der eigentliche Grund für die Verhaftung war der nach Kriegsende in München und auch in der Regierung grassierende Antisemitismus.

Dr.Philipp Auerbach

 

 

 

1951 wurde Schloss Elmau wegen des unsicheren Ausgangs des laufenden Revisionsverfahrens und aus Sorge vor Schadensersatzforderungen, den Erben von Johannes Müller vom Amt für Wiedergutmachung zur Pacht angeboten. Unter der Leitung der Bernhard Müller-Elmau und Sieglinde Mesirca (geb. Müller) wurde Schloss Elmau Weihnachten 1951 zunächst provisorisch mit 60 und dann Pfingsten 1952 mit 150 Zimmern wiedereröffnet. Dr. Odoardo Mesirca war von Johannes Müller als Hoteldirektor auf Lebenszeit bestimmt worden.

1957 starb Irene Sattler, die Frau von Johannes Müller.

1957 tagte die Gruppe 47 mit Ingeborg Bachmann und Marcel-Reich Ranitzki in Schloss Elmau.

Seit Ende der 50iger Jahre kamen auch regelmäßig und mehrmals pro Jahr Loriot, der in Schloss Elmau alle seine filmischen Projekte entwickelt hat, Alexander Kluge und Bundespräsident Johannes Rau, der Schloss Elmau als seine geistige Heimat bezeichnete.

 

 

 

Seit 1957 wurde Schloss Elmau vor allem Dank der Unterstützung emigrierter jüdischer Künstler und unter Leitung des Dirigenten Hans Oppenheim zu einem international renommierten Mekka der Kammermusik. Das Who´s Who der Kammermusik kam nach Schloss Elmau, allen voran das legendäre Amadeus Quartett, das die bis heute fortgeführte Tradition der Kammermusikwoche im Januar begründete, die damals aus politischen Gründen Britisch-Deutsche Musikwoche (sprich Jüdisch-Deutsche) genannt wurde.

Das Amadeus Quartett hat danach jedes Jahr seine musikalischen Freunden nach Schloss Elmau eingeladen, darunter Benjamin Britten, Peter Pears, Emile Gilles, George Malcom, Julian Bream, Yehudi Menuhin, Antal Dorati, Alfred Brendel, die auch mit deutschen Musikern wie dem "Hauspianisten" Wilhelm Kempff und dem Cellisten Ludwig Hoelscher musizierten. Die Tradition wurde von Künstlern wie Gidon Kremer, Friedrich Gulda, dem Melos Quartett, Thomas Quasthoff u.v.a. bis heute fortgeführt.

 

 

 

 

 

 

 

1961 wurde das Nachlassverfahren eingestellt und die beiden Erben Bernhard Müller-Elmau und Sieglinde Mesirca jeweils zur Hälfte unbestrittene Eigentümer von Schloss Elmau.

1967 wurde der symbolische Hälfteanteil der Familie Elsa Gräfin von Waldersee von der Erben abgelöst.

1972 haben die Erben das Vermögen der Erbengemeinschaft an eine GmbH übertragen, an der Sieglinde Mesirca und Bernhard Müller zu 50% beteiligt waren. Die Geschäftsführung der Familienbesitzgesellschaft von Schloss Elmau wird seither von einem familienfremden Beirat gewählt.

Sieglinde und Dr. Odoardo Mesirca und Bernhard Müller-Elmau
Bep Müller-Elmau

 

 

 

1997 pachteten Dietmar & Heidrun Mueller-Elmau Schloss Elmau, um es mit Erlösen aus dem Verkauf der weltweit erfolgreichen Software Firma Fidelio zu sanieren und als Cultural Hideaway inhaltlich neu zu definieren. Zivilisation gilt in Schloss Elmau seither nicht mehr als als Feindbild von Hochkultur, sondern als höchster künstlerischer Ausdruck eines amerikanisch-jüdischen Freiheitsideals. Jazz, Literatur und die politische Debatte bereicherten das Programm. Tanzveranstaltungen wurden reduziert und schliesslich eingestellt. Es kam zu einem Aufstand und Exodus der Stammgäste. Dafür kamen viele junge Familien mit Kindern.

Seit 1998 wurde Schloss Elmau vor allem durch die Zusammenarbeit mit Prof. Christoph Schmidt von der Hebrew University, Prof. Gabriel Motzkin vom van Leer Institut Jerusalem und Prof. Michael Brenner vom Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, auch zu einem regelmäßigen Treffpunkt insbesondere jüdischer Geisteswissenschaftler aus aller Welt. Die Schloss Elmau Symposien lieferten nicht nur viel beachtete Beiträge zu Fragen der Politischen Theologie und der deutschen wie jüdischen Ideen- und Kulturgeschichte, sondern auch Anstöße zu wichtigen öffentlichen Debatten aktueller Politik.

 

 

 

Im Oktober 1998 eröffnete das Schloss Elmau Symposion „Globalisierung ohne Migration?“die erste breite öffentliche Debatte über die Notwendigkeit der Einführung von Greencards, die in Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts noch mit den Argumenten der Zivilisations- und Kapitalismuskritik aus dem 19. Jahrhundert abgelehnt wurde.

1999 hielt Peter Sloterdijk auf dem Schloss Elmau Symposion „Jenseits des Seins“, das sich mit der Kritik von Emanuel Levinas an dem Mangel der Ethik in der Ontologie von Martin Heidegger befasste, einen Vortrag über die „Regeln für den Menschenpark“. Die später sogenannte „Elmauer Rede“ löste aufgrund der Interventionen von Saul Friedländer und von Jürgen Habermas eine beispiellose und über viele Monate anhaltende öffentliche Debatte in sämtlichen deutschsprachigen Feuilletons über die ethischen Grenzen der Gentechnologie aus, die schließlich zur Gründung des Nationalen Ethikrates durch die Regierung Schröder führte. Dessen erste und einzige öffentliche Tagung fand in Schloss Elmau statt.

Kurz zuvor hatte auch das Schloss Elmau Symposion „Wagner im Dritten Reich“ unter der Leitung von Saul Friedländer stattgefunden, an dem fast alle international renommierten Pro- und Anti-Wagner Experten teilnahmen. Das Symposion wurde von der FAZ als überfällige Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Wurzeln des Nationalsozialismus und der politisch verhängnisvollen Rolle von Bayreuth im Dritten Reich gewürdigt. Die Vorträge wurden vom C. H. Beck Verlag als Buch mit gleichem Titel veröffentlicht.

Seit 2001 wurde Schloss Elmau mit den Jüdischen Kulturtagen (Tarbut) unter Leitung von Dr. Rachel Salamander und Prof. Michael Brenner auch zu einem regelmäßigen Treffpunkt führender jüdischer Intellektueller mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit 2002 machten regelmäßige Veranstaltungen des German Marshall Fund Washington (GMF) unter Leitung von Craig Kennedy und Dr. Ron Asmus, Schloss Elmau auch zu einem Treffpunkt von amerikanischen mit deutschen und europäischen Politikern.

Dr. Angela Merkel hielt bei einem dieser Foren zwei Monate vor ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin einen heftig diskutierten Vortrag über das Verhältnis der Türkei zur EU. Richard Holbrooke und Carl Bildt nutzten die Veranstaltungen des GMF für eine Reihe von Treffen mit Präsidenten und Politikern vor allem aus osteuropäischen Ländern, die schon damals von einem zunehmend anti-westlichen und autoritären Russland bedrängt und bedroht wurden.

2005 zerstörte ein Brand am 7. August zwei Drittel des denkmalgeschützten Gebäudes. Glücklicherweise wurde niemand der 450 anwesenden Gäste, darunter 150 Kinder und keiner der 130 Mitarbeiter und 350 Feuerwehrleute verletzt.

 

 

 

 

 

 

 

Am 21. Juni 2007 wurde Schloss Elmau nach 14 monatiger Bauzeit und Plänen von Christoph Sattler und Dietmar Mueller-Elmau in neuer Grosszügigkeit als "Luxury Spa & Cultural Hideaway" und Mitglied der Leading Hotels of the World eröffnet und seither national und international vielfach als eines der weltbesten Wellness und Ferienhotels ausgezeichnet.

Am 21. März 2015 wurde nach zweijähriger Bauzeit und Plänen von Christoph Sattler und Dietmar Mueller-Elmau das Schloss Elmau Retreat eröffnet. Das Retreat ist ein Hotel im Hotel, sowohl Teil von Schloss Elmau als auch eine Welt für sich mit 47 großzügigen Suiten, 2 Restaurants & Lounges mit Bibliothek & Terrassen, Yoga Pavillon, Gym & Shantigiri Spa. 

Am 7. und 8. Juni 2015 fand der G7 Gipfel 2015 mit den Staats- und Regierungschefs aus USA, Canada, Japan, Frankreich, Grossbritannien, Italien und Deutschland in Schloss Elmau statt.