Was hält, wenn die Welt zerfällt?
Literaturtage in Schloss Elmau:
Literatur in schweren Zeiten
Wie kann literarisches Schreiben unter den Bedingungen von Krieg, Diktatur und Autoritarismus bestehen? Vermag es vielleicht sogar eine neue, produktive Kraft zu entfalten? Bietet die Literatur Halt in haltloser Zeit?
Hölle der Vögel von Max Beckmann
Quelle: Max Beckmann
Fragen wie diesen widmen sich vom 15. bis 19. November 2026 die Literaturtage in Schloss Elmau. Die Perspektiven sind historisch und gegenwärtig, europäisch und international. Kuratiert wird das Programm von Rachel Salamander und Kai Sina.
Zum Auftakt stellt der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel seine monumentale Epochendarstellung „Schreiben in finsteren Zeiten“ vor, die die Geschichte der deutschsprachigen Literatur zwischen 1933 und 1945 in einer unerreichten Detailfülle erzählt. Die Germanistin Marina Münkler widmet sich der mittelalterlichen „Nibelungenklage“, die das Grauen des „Nibelungenliedes“ für die adlige Kriegergesellschaft erträglich machen sollte. Zudem erinnert sie an Seweryna Szmaglewskas Bericht „Die Frauen von Birkenau“, der sich der Auslöschung des Gedächtnisses an die Opfer der Shoah entgegenstemmt. Herfried Münkler untersucht anhand von Frontbriefen aus dem Ersten Weltkrieg und Zeichnungen von Otto Dix, wie Malen und Schreiben als unterschiedliche Modi der Bewältigung „schwerer Zeiten“ dienen können.
Gegenwartsbezüge eröffnet Maxim Biller mit seinem Roman „Schwarze Samstage“. Der Roman stellt die nach dem 7. Oktober umso drängendere Frage, woher der ewige Wunsch nach der Vernichtung der Juden kommt. Der Schriftsteller und Essayist Alexander Estis feiert in grotesken Prosaminiaturen die Krise der Satire als ureigenes Terrain der Gattung. Volker Weidermann erzählt von einem Jahr im Leben der Mascha Kaléko und entfaltet darin ein prototypisches jüdisches Schicksal im 20. Jahrhundert. Die Kritikerin Evelyn Finger unterzieht Philip Roths Roman „Verschwörung gegen Amerika“ einer Relektüre und fragt, ob Roths Vision inzwischen als Analyse unserer eigenen Gegenwart gelten muss. Durs Grünbein und Kai Sina stellen Hans Magnus Enzensbergers Essays über den „Unfrieden“ – über Migration, Bürgerkrieg und Terror – neu zur Debatte, und Judith Hermann spürt in ihrem Roman „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ dem Schweigen, dem Verdrängten und den Leerstellen in unserer Gesellschaft nach.
In einem weiten Bogen vom Mittelalter über die Literatur der Jahre 1933 bis 1945 bis zu den Krisen der Gegenwart bieten die Literaturtage auf Schloss Elmau ein vielstimmiges Panorama literarischer Selbstbehauptung – und erinnern zugleich an die existenzielle Bedeutung, an die Unerlässlichkeit und den Trost, die dem Schreiben und der Literatur in Zeiten der Unfreiheit und Bedrängnis zukommen.









